Die Geothermie-Pläne auf dem Rohrer Berg rufen Ängste bei Meiningern hervor. Eine Bürgerinitiative fordert Antworten auf all ihre Fragen und erwägt, mit einem Bürgerentscheid das umstrittene Vorhaben zu verhindern.

Meiningen – In der Theorie hört sich alles prima an: Es müssen zwei Löcher etwa 5000 Meter tief in das massive Granitgestein des Rohrer Bergs gebohrt werden. In das eine Loch wird kaltes Wasser gepumpt, im Erdinnern durch das 150 bis 200 Grad Celsius heiße Gestein erhitzt und über das andere Bohrloch wieder nach oben gefördert, um so Wärme oder Strom zu gewinnen. Klingt nach einem nie versiegenden Schatz, einer Gelddruckmaschine, wie ein Segen im Zeitalter der Energiewende. Oder ist es ein nicht kalkulierbarer Gefahrenherd für Mensch, Umwelt und Geldkasse?

Eine Reihe Meininger Bürger warnen vor den Risiken. Sie trauen der Sache nicht übern Weg, bei dem der Erdofen angepiekst und als Dauer-Durchlauferhitzer genutzt werden soll. Pannen und Beben in anderen Städten haben ihren Glauben an die Tiefengeothermie von vornherein schwer erschüttert. Dass dem Projekt im Industriegebiet Rohrer Berg zudem der Status eines Forschungsprojektes anhaftet, macht die Situation nicht besser, im Gegenteil: „Geothermie kann die Zukunft sein. Doch wir hier in Meiningen sind keine Versuchskaninchen“, sagt CDU-Stadtrat Adalbert Bauch, der kilometertiefe Erdbohrungen mit nicht einschätzbarem Risiko so nah an einem Wohngebiet strikt ablehnt. Im Teststadium dürfen solche Verfahren aus seiner Sicht nur weit weg von Siedlungen in Angriff genommen werden.

Mit seiner Wortmeldung sprach Bauch am Mittwochabend den Frauen und Männern von der Bürgerinitiative (BI) gegen die tiefe Geothermie in Meiningen aus den Herzen. Etwa 60 Leute kamen im Braustübl zusammen, darunter neben Adalbert Bauch weitere bekannte Gesichter wie Stadträtin Christine Dohl, der Dreißigackerer Gastwirt und Kreistagsabgeordnete Ralph Kellner, die ehemalige städtische Bauamtsmitarbeiterin Annette Kölln, der Arzt Detlef Götz, das ehemalige Stadtratsmitglied Egon Hartung, der frühere Seniorenvertreter Edgar Fischer.

Sie alle sind besorgt über die Pläne. Sie haben viele Fragen zu der mit enormen Wasserdruck beabsichtigten künstlichen Rissbildung im Erdinnern für einen besseren Wärmeaustausch zwischen Wasser und Gestein. Zu den Gefahren für Mensch und Umwelt. Zum Schadenersatz für kaputte Häuser im Falle einer Havarie. Zum Umgang mit öffentlichen Geldern und dem finanziellen Risiko eines solchen Erdwärme-Kraftwerkes. Zur eventuellen radioaktiven Strahlenbelastung, weil Granite erhöhte Uran-, Plutonium- und Radonkonzentrationen enthalten können.

Bisher warten sie noch auf Antworten. BI-Sprecher Volker Heineck schrieb im vergangenen Monat einen offenen Brief an Ministerpräsidentin Christine Lieberknecht (CDU), um Klarheit zu bekommen. Doch auf offene Briefe gebe es grundsätzlich keine Antworten zur Sache, hieß es aus Erfurt. Jetzt hat die Bürgerinitiative ein neues Schreiben an die Thüringer Regierungschefin verfasst – mit den gleichen Fragen, diesmal aber ist es kein offener Brief.

Für die betroffenen Bürger gibt es eine Vielzahl von Unwägbarkeiten und Unsicherheiten. Die schlechte Öffentlichkeitsarbeit der Akteure, darunter die Stadtwerke, fördert das Misstrauen. Mancher Meininger hegt den Verdacht, dass das Projekt über die Köpfe der Bürger hinweg still und heimlich vorangetrieben wird. Einige Anzeichen gibt es dafür. So liegt – ohne dass die Öffentlichkeit zunächst davon erfuhr – schon seit Januar vergangenen Jahres die Genehmigung vom Bergamt für das Erdwärme-Projekt in Meiningen vor. Erst jetzt wurde bekannt, dass dafür auch Stellungnahmen aus dem Meininger Landratsamt eingingen. Außerdem sollen die beteiligten Meininger Stadtwerke mittlerweile schon die 4. Projektskizze erarbeitet haben. „Wir kennen weder die erste, zweite oder dritte Projektskizze. Ich denke, auch die vierte wird uns nicht im Detail vorgestellt“, kritisiert BI-Sprecher Volker Heineck.

Lutz Kromke aus Creuzburg, der in einer Bürgerinitiative im Hainich gegen die Schiefergas-Gewinnung kämpfte, kennt die Taktik des Hinhaltens und Abwiegelns. Hartnäckigkeit und langer Atem seien nötig, um zum Ziel zu kommen, rät er der Meininger Bürgerinitiative.

Deren Kritik an der mangelnden Transparenz ist groß: Als im vergangenen September das Vorhaben in groben Zügen von Stadtwerke-Chef Wolfgang Troeger und Prof. Dr. Dieter Sell von der Thüringer Energie- und GreenTech-Agentur erstmals im Stadtrat vorgestellt wurde, durfte niemand Fragen stellen – selbst die Stadträte nicht. Die damals für November 2013 versprochene Informationsveranstaltung hat bis heute nicht stattgefunden. Stattdessen gibt es am kommenden Dienstag eine von der Thüringer SPD-Landtagsfraktion anberaumte öffentliche Podiumsdiskussion im „Rautenkranz“, Beginn 18 Uhr. Die Mitstreiter der Bürgerinitiative fürchten, dass hier vor allem die Befürworter eine Plattform erhalten. Wie der Unterhachinger Altbürgermeister Dr. Erwin Knapek, der in seiner Gemeinde ein Geothermie-Kraftwerk baute. 2007 ging es in Betrieb. Doch auf das einstigen Vorzeigeprojekt fallen inzwischen Schatten, wie die BI weiß. Im Gemeinderat Unterhaching wird heute über die hohe Finanzlast durch das Kraftwerk laut geklagt. Statt von einer Gelddruckmaschine ist von einem kaum kalkulierbaren Kostenfaktor die Rede. Die bayerische Kommune muss Geld zubuttern.

Die Bürgerinitiative hat angekündigt, in großer Zahl die Veranstaltung im „Rautenkranz“ zu besuchen. Sie will Fragen stellen, auf Gefahren aufmerksam machen. Und sie will weiter gegen das Projekt kämpfen, zusätzliche Mitstreiter gewinnen und erwägt einen Bürgerentscheid, um die Meininger über das Erdwärme-Kraftwerk auf dem Rohrer Berg abstimmen zu lassen. Zudem wollen sie Bürgermeister Fabian Giesder und Landrat Peter Heimrich stärker einbinden. „Der Landrat hält sich bisher raus. Vielleicht muss man ihm mal sagen, dass auch sein geplanter schiefer Turm auf der Geba umfallen könnte, wenn es ein Erdbeben durch die Geothermie gibt“, meinte ein Mann in der Runde.